Univ.prof. DDr. Johannes Huber

Wissenschaftliche Neuigkeiten aus der Hormonforschung

Detail eines Frauenportraits

Anfang Dezember 2003 fand in Wien ein internationaler Kongreß statt, der jene beiden Studien analysiert, welche zu einer großen Verunsicherung im Rahmen der Hormonersatztherapie führten, nämlich die WHI Studie und One Million Study. Für die WHI Studie waren die Chefdesigner der Arbeit bei der Konferenz anwesend und legten die Intention ihrer wissenschaftlichen Arbeit vor: bei der WHI Studie ging es den Autoren nur um die Beantwortung der Frage, ob Frauen mit 65 und 70 Jahren, die überwiegend einen Risikofaktor für das Herz-Kreislaufsystem trugen, noch zwanzig oder fünfzehn Jahre nach Beendigung der Menopause mit einer Hormonsubstitution beginnen sollten, um sich vor einem Herzinfarkt zu schützen. Die Antwort dieser Studie ist relativ eindeutig, nämlich: »nein«. Östrogene haben keinen heilenden, wohl aber einen präventiven Effekt auf das Herz-Kreislaufsystem. Wenn eine siebzigjährige Patientin bereits schwere Verkalkungen aufweist, so können diese durch die Hormonersatztherapie nicht rückgängig gemacht werden, wohl aber kann ihre Entstehung durch Östrogene verlangsamt werden.

Die Autoren führten gleichzeitig aus, daß es ihnen unverständlich ist, warum in manchen europäischen Ländern die Intention der WHI Studie nicht erkannt und ihre Ergebnisse auf die Behandlung von Patientinnen, die in der Menopause (das ist rund um das fünfzigste Lebensjahr) Beschwerden haben, übertragen wird. Es gibt Länder, in denen verstanden wird, daß man die WHI Studie nicht auf die Behandlung von menopausalen Beschwerden umlegen kann – das war auch gar nicht die Intention der Autoren. Und es gibt Länder in Europa, so die amerikanischen Wissenschaftler, die offensichtlich unfähig sind, diese Differenzierung durchzuführen und damit Frauen in unnötiger Weise beunruhigen. Wahrscheinlich aus Höflichkeitsgründen gegenüber dem Gastland haben die Autoren vermieden, zuerst die Länder zu nennen, die diesen Unterschied zu machen nicht imstande sind.

Die zweite Studie, welche zu einer großen Verunsicherung geführt hat, war die One Million Study. Sie wurde von Samuel Shapiro genau analysiert und dabei wurden derartige statistische Schwächen festgestellt, daß eine Übertragung der Studienergebnisse auf ein normales Kollektiv beziehungsweise das Hochrechnen, wieviel Frauen durch die Hormonersatztherapie einen Brustkrebs bekämen, nicht gerechtfertigt ist. Die haben die Autoren selbst am Ende ihrer Studie auch festgehalten, allerdings wurde das von den Kritikern der Hormonersatztherapie, die offensichtlich diese Studie zu ihrer Kritik instrumentalisierten, nicht gelesen. Entweder, weil sie nicht zum Schluß der Arbeit kamen, oder weil sie die Arbeit offensichtlich überhaupt nicht kannten. Auch hier wurde ein ähnlicher Tenor hörbar: Studienergebnissen dürfen nicht für andere Zwecke instrumentalisiert werden.

Natürlich ist es in der Medizin wichtig, jedes Risiko früh zu erkennen und der Öffentlichkeit auch mitzuteilen. Andererseits muß man aber auch behutsam vorgehen, um betroffene Menschen nicht voreilig zu verunsichern. Augenmaß und Besonnenheit sind dabei vonnöten. Ob dies bei der Hormondiskussion der letzten Jahre tatsächlich so war, bleibt zu hinterfragen. Beziehungsweise auch zu bezweifeln: wenn eine körpereigene Substanz mit Kontergan verglichen wird und wenn in der Diskussion der Eindruck entsteht, daß man morgen stirbt, wenn man nicht heute mit der Östrogenbehandlung aufhört, so geht dies nicht nur an den wahren Tatsachen vorbei, sondern die Emotionalität und Irrationalität einer derartigen Diskussion läßt die Frage aufkommen, ob es den Diskutanten dabei tatsächlich nur um die Wahrheitsfindung ging oder ob aufgrund der übereilten und nicht abgesprochenen Diskussion andere Motive noch mit im Spiel waren. Vor allem, ob das Östrogen offensichtlich als Ventil diente, um manchen Kollegen und assoziierten Verbänden die Möglichkeit zu geben, alte Rechnungen zu bezahlen, die Argumente zu unterstreichen, dass sie »es immer schon gewußt haben«. Ein weiteres Motiv könnte auch bei sozialen Versicherungen liegen, die hier Morgenluft wittern und eine Möglichkeit sehen, die Hormonpräparate aus ihrem Versicherungsetat zu eliminieren. Befangen könnten unter Umständen auch andere Firmen sein, die in jenes Loch, das die Östrogene reißen, hineinstoßen möchten. Von Pflanzenhormonen bis zur Behandlung und Vorbeugung der Osteoporose.

Wenn Gesundheitsprobleme auftreten oder ein Risikoverdacht bei einer Medikamentengruppe lautet, so sollten primär die entsprechenden, demokratisch gewählten Fachorganisationen befaßt beziehungsweise auch die dafür zuständigen Stellen des Gesundheitsministeriums involviert werden – bevor man sich als Einzelner an die Presse wendet und unzählige Frauen verunsichert. Leider ist das in der Hormondiskussion nicht der Fall gewesen.    ●