[3.7.3] Biographische Faktoren

Durch ein genaues Gespräch mit der vor einem sitzenden Patientin kann man sich viele aufwendige Laboruntersuchungen ersparen. Der Arzt soll mitunter seinen weißen Kittel ablegen und den Rock des Kriminalinspektors anziehen, durch eine genaue Befragung gelingt es in vielen Fällen, sowohl die Diagnose wie auch Risikosituationen zu erkennen und zu beschreiben. Einen wichtigen Hinweis, ob der weibliche Körper mit Östrogenen „überbelastet“ wird, bekommt man durch die Antwort auf die einfache Frage, wann die erste Menstruation auftrat (Menarche) beziehungsweise mit wie viel Jahren die Menopause einsetzte. Weist eine Frau in frühen Jahren (z. B. vor dem 12. Lebensjahr) bereits Zeichen der Geschlechtsreife auf und kommt sie erst verspätet in die Menopause (z. B. erst nach dem 50. Lebensjahr), so deutet dies auf eine längere Östrogenexposition hin als wenn ein Mädchen erst mit 15 Jahren in die Menarche und mit 48 bereits in die Menopause kam. Die Zeit der Östrogeneinwirkung, die dadurch definiert ist, kann ein Risikofaktor sein, vor allem dann, wenn sich eine frühe Menarche mit einer späten Menopause paart und die Frau viele Jahre in der vom Östrogen dominierten Geschlechtsreife erlebt.

Ein weiterer Hinweis über die Belastung kommt aus der Information, ob nahe stehende Verwandte, Schwester, Tante oder Mutter an einem Brustkrebs bereits erkrankt sind. Obwohl die Details noch nicht genau bekannt sind, vermutet man doch, dass genetische Faktoren bei der Entstehung des Mammakarzinoms eine Rolle spielen. Die familiäre Belastung deutet das an, was aber nicht unbedingt auch zum bösartigen Geschwulst führen muss, was allerdings Grund dafür sein soll, Vorsorgeuntersuchungen ernster zu nehmen und auch Vorbeugungsstrategien anzudenken.
Aus der Erfahrung weiß man, dass eine bereits einmal stattgefundene Operation an der Brust – auch wenn es eine gutartige Erkrankung war – das Risiko für eine bösartige Geschwulst erhöht. Auch diesen Faktor soll man in das Kalkül nehmen, genauso wie das Alter der Frau bei der ersten Geburt. Aus vielen Untersuchungen weiß man, dass die Schwangerschaft einen Schutz, aber auch eine gewisse Belastung für die Brust darstellen kann. Ereignet sich die erste Schwangerschaft bei der Mutter in jungen Jahren (vor dem 25. Lebensjahr), so stellt dies eine Schutzkonstellation dar, während die erste Schwangerschaft jenseits des 35. Lebensjahres für die Brust eher eine Belastung sein könnte.

Natürlich ist – wie erwähnt – das Alter per se ebenfalls ein Risikofaktor. Je älter ein Mensch wird, umso höher wird sein Risiko, an einem Karzinom zu erkranken.

Diese biografischen Faktoren, vor dem Hintergrund des Alters, sind in einer statistischen Berechnung zusammengefasst worden, im so genannten GAIL Modell, das eine mathematische Objektivierung des Brustkrebsrisikos erlaubt. Vor der Verschreibung der Hormonersatztherapie, aber auch bei der Beratung der Patientin in der gynäkologischen Praxis, empfiehlt es sich, diese einfachen, aber medizinisch gut abgestützten Faktoren von der Sprechstundenhilfe eingeben zu lassen, damit sich der Arzt schon bei Beginn des Gespräches ein Bild über die Brustkrebsbelastung der vor ihm sitzenden Patientin bilden kann.