[1.7] Darm und Hormone

In der Antike, vor allem in Rom, war man der Meinung, dass unsere Innereien das Schicksal der Menschen bestimmen. Eigene Priester – die Haruspices – waren bestellt, um eine „Gedärmdiagnostik“ zu erstellen.

Obwohl dies eine vorwissenschaftliche Betrachtungsweise war, tendiert die moderne Medizin heute immer mehr zu der Auffassung, dass besondere Bewohner des Darmes, die Darmbakterien, tatsächlich über Gesundheit und Krankheitsanfälligkeit unseres Körpers mitentscheiden. 10 mal mehr Bakterien, als der gesamte Körper sonst Zellen hat, besiedeln unseren Darm. Die Bakterien wachen, dass keine anderen gefährlichen Bakterienstämme sich in unseren Körperinneren breitmachen, sie entscheiden, was von der Nahrung dem Körper zur Verfügung gestellt und wie es abgebaut wird, sie greifen in die Immunsituation, aber auch in die Regelung des Körpergewichtes ein.

Darmbakterien und Hormone

Dass es zwischen körpereigenen Bakterien und den Hormonen einen Zusammenhang gibt, kennt man von der Scheide, ebenfalls eine, wenn auch in ihrer Größe nicht mit dem Darm vergleichbaren Körperöffnung. Die Bakterien des Darms werden von den Geschlechtshormonen der Eierstöcke indirekt ernährt: diese sorgen, dass ausreichend Nahrung, nämlich Zucker, für die guten Mitbewohner zur Verfügung gestellt werden, die daraus Milchsäure produzieren und so die Scheide schützen. In Zeiten des Hormonmangels, wenn das Östrogen fehlt, kommt es gleichzeitig auch zu einem Ernährungsengpass, die Döderlein’schen Bakterien, so heißen diese Milchsäure produzierenden Lebewesen, verhungern, wodurch sich andere, fremde Bakterien in der Scheide ausbreiten können. Dadurch entstehen die bekannten Entzündungsanfälligkeiten in Lebensmitte, aber auch in Zeiten der Hormonumstellung.
Daneben vermögen die Hormone noch ein Weiteres: sie dichten die Zellen in der Scheide ab, was einen zusätzlichen Schutz gegen fremde Erreger darstellt.

„Der löchrige Darm“ – Das „leaky gut“-Syndrom

Ähnliches ereignet sich auch im Darm. Das „leaky gut“-Syndrom entsteht dadurch, dass die Darmepithelzellen ihre Barrierefunktion verlieren und Bestandteile des Darminhaltes, die zur Ausscheidung bestimmt sind, in den Körper eindringen lassen.

Scheideninfektionen

Dies kann unterschiedliche Folgen haben, die die Patienten belasten: finden sich Pilze oder Colibakterien im Darm, so gelingt es ihnen aufgrund dieser abgeschwächten Barrierefunktion aus dem Darm in umgebende Gewebe, vor allem in die Scheide, zu wandern. Dort erzeugen sie dann ununterbrochen Scheidenprobleme, die sowohl für die betroffene Frau, als auch für den behandelten Arzt schwer verständlich sind. Die chronische Scheidenentzündung ist die Folge, die allerdings nicht durch den Geschlechtsverkehr entsteht, sondern durch eine permanente Beschießung der Vagina mit Bakterien aus dem Darm.

Darmirritation

Aus der Nahrung werden manchmal Substanzen abgebaut, die den Darm irritieren. Dies kann zu Durchfällen, aber auch zu chronischen Darmentzündungen führen. Durch eine Analyse der Darmbakterien und durch eine entsprechende Behandlung kann das Problem mitunter kausal gelöst werden.

Gewichtsprobleme

Aufgenommen werden bei einem „leaky gut“-Syndrom aber auch Bestandteile unserer Ernährung, die ursprünglich nicht zur Speicherung in den Fettzellen bestimmt waren. Dies kann zu Gewichtsproblemen bis hin zur Übergewichtigkeit führen. Es sind vor allem zwei Darmbakterienstämme, die sich das Gleichgewicht halten: die Firmicutes und die Bacteroides. Ist diese Balance gestört, so spalten die Firmicutes-Darmbakterien auch aus Gemüse und Zellulose, aber auch aus Obst Bestandteile heraus, die normalerweise mit dem Stuhl abgehen. Werden sie im Fettgewebe eingelagert, so erzeugt dies eine Gewichtszunahme, die ebenfalls sowohl für Patientin, wie auch für den Arzt schwer erklärbar sind.

a) Darmpermeabilität – Leaky gut

Ähnlich wie es im vaginalen Epithel durch endokrine Dysfunktionen Parierschwächen gibt, tritt beim weiblichen Geschlecht das „leaky gut“-Syndrom auch in Zeiten der endokrinen Umstellung auf (zB Menopause). Der therapeutische Ansatz von Seiten der Gynäkologen ist ähnlich wie in der Vagina, wo durch die drei Steroidhormone, das Östrogen, das Progesteron und das Testosteron, die Integrität und Funktionsfähigkeit des Vaginalepithels wiederhergestellt werden kann.

Der Nachweis einer erhöhten Darmpermeabilität, die gleichzeitig mit einer erhöhten Entzündungsbereitschaft einhergeht, kann durch die Erfassung des Histamins, des Calprotectins, des Zonulins und des sekretorischen IgAs erfolgen.

Diagnostik:

Erhöhte Histaminwerte im Stuhl sprechen für hohe Stresseinwirkung und damit auch für ein vorliegendes leaky gut. Die lokalen Entzündungsreaktionen gehen mit einer ödematösen Veränderung der Dünndarmzotten einher.

ENDOKRINER ZUSAMMENHANG: Während ansonsten das Östradiol einen immunsuppressiven Effekt hat, wirkt es auf die Histaminsynthese und auf die Mastzellen stimulativ. Deswegen wird man hier auf die Antihistaminwirkung des Progesterons bzw. des Testosterons ausweichen.

Erhöhte Calprotectinwerte sprechen für das Vorliegen von entzündlichen Schleimhautveränderungen, die zur Resorptionsstörungen und Malabsorption führen können. Die Höhe der Calprotectinwerte im Stuhl korrelieren eng mit Aktivitätsgrad und Umfang entzündlicher oder invasiver Schleimhautveränderungen. Hohe Calprotectinwerte finden sich demnach bei aktiven entzündlichen Darmerkrankungen, bei invasiven Enteritiden und bei ausgedehnten ulcerierenden kolorektalen Karzinomen (Erhöhung des Calprotectinwertes auf 15 – 50 mg/l). Patientinnen mit einem Colon irritabile und mit einer Kohlenhydratintoleranz, die mit nicht-entzündlicher Diarrhö einhergeht, weisen meist unauffällige Calprotectinwerte auf.

Erhöhte Zonulinwerte sprechen für eine erhöhte Diasthese der „thight junctions“. Daraus resultiert eine erhöhte Permeabilität der Mukosa.

ENDOKRINER ZUSAMMENHANG: Progesteron hemmt die Matrixmetalloprotenasen und stabilisiert damit die thight junctions.

Erhöhte Zöliakiewerte findet man bei Diabetes 1, bei rheumatischer Polyarthritis und bei multipler Sklerose.

ENDOKRINER ZUSAMMENHANG: Bei allen drei Erkrankungen findet man einen Vitamin D-Mangel. Dieser müsste demnach ebenfalls evaluiert werden.

Die sIgA-Konzentration im Stuhl spiegelt den Aktivitätsgrad des Mukosaimmunsystems wider. Antigene werden durch das sIgA abgebunden. Bei reduzierender oder fehlender Aktivität kommt es zu einer vermehrten Infektanfälligkeit, bei überschießenden Reaktionen sind Allergien und Unverträglichkeiten oft zu finden.

ENDOKRINER ZUSAMMENHANG: Sexualsteroide haben einen unterschiedlichen Einfluss auf die sIgA-Konzentration.

Therapieempfehlung:

Entsprechend der Befunde müsste eine differenzierte Steroidtherapie vorgenommen werden, am Besten in Form von intravaginalen oder rektalen Suppositorien. Da Aminosäuren eine schleimhautproduktive Wirkung zukommt, wäre zusätzlich Colibiogen Ampullen oder Aminoplus immun anzuraten. In besonderer Weise kommt dem Glutamin eine protektive Wirkung zu. Die entsprechende Behandlung wäre durch Glutamin-Komplex Forte. Bei niedrigem IgA-Werten kann eine mikrobiologische Therapie mit lebensfähigen (Symbioflor) oder inaktivierten Keimen (ProSymbioflor) durchgeführt werden. Auch die Gabe von Kolostrum (zB Ternimax) wäre möglich.

b) Gewichtsprobleme

Gewichtsprobleme, aber auch das direkte Vorkommen der Obesity ist beim weiblichen Geschlecht häufiger und tritt vor allem in Lebensmitte, während der Menopause auf. Deswegen ist von gynäkologischer Seite die Bestimmung des Firmicuten (bacteroides Ratio) sinnvoll. Ein erhöhter Fimicutenanteil kann mit Gewichtsproblemen assoziiert sein.

Zusätzliche Parameter:

Gallensäure im Stuhl
Gallensäuren aktivieren die Dejodinase und erhöhen damit das aktive T4. Eine Insuffizienz von Gallensäure kann ebenfalls aufgrund der fehlenden Tetrajodthyronin-Aktivierung ebenfalls mit einer Übergewichtigkeit einher gehen.

Darüber hinaus fördert Gallensäure die Detoxifizierung der Enzyme, wie Glutathion-S-Transferasen und CYP1 A1.

ENDOKRINER ZUSAMMENHANG: Gallensäuren werden ebenso wie die Sexualsteroide aus dem Progesteron gebildet, eigentlich sind sie Sexualhormone und stehen mit diesen in einem endokrinen Gleichgewicht.

Pankreatische Elastase 1
Die Elastase 1 korreliert mit der Verdauungsleistung der exokrinen Bauchspeicheldrüse. Frauen sind für pankreatische Störungen anfälliger, deswegen besitzt diese Diagnostik auch einen starken Gender-Aspekt.

Serotonin im Stuhl
Neben dem Gehirn ist auch das Darmepithel in der Lage, Serotonin herzustellen, wodurch das Hungergefühl moduliert wird. Serotoninmangel geht mit einem fehlenden Sättigungsgefühl und einer Hyperphagie einher, aber auch mit Migräne, Depressionen und Schlafstörungen. Auch Winterdepressionen können in einem Zusammenhang mit einem verminderten Serotoninspiegel stehen.

ENDOKRINER ZUSAMMENHANG: Das Progesteron fördert die Serotoninsynthese.

Mitochondriale Diagnostik:

Mit dem Alter nimmt die mitochondriale Aktivität ab, was eine Ursache für die konsekutive Gewichtszunahme sein kann. Die häufigste Ursache für eine Schädigung der Mitochondrien besteht im Nitrosativen Stress, der durch eine Bestimmung Nitrotyrosin im Blut nachgewiesen werden kann.

Therapieempfehlung:

Während Gallensäure und pankreatische Enzyme direkt zugefügt werden können, kann die Gallensäuresynthese, aber auch die Serotoninproduktion endokrin angeregt werden. Der Precursor des Serotonins, das Tryptophan, wird zur Verstärkung des enteralen Serotonins bereits eingesetzt. Auch die Gallensäuren könnten medikamentös zugeführt werden. Die Relation zwischen Firmicutes und Bacteroides lässt sich diätetisch beeinflussen: eine Kohlenhydrat reduzierte Diät führt zu einer deutlichen Vermehrung von bakteroiden Arten und damit zu einer verminderten Energieaufnahme über die zugeführte Nahrung. Über die Gabe von speziellen Ballaststoffen, Probiotika, lässt sich das Verhältnis von Firmicuten zu Bacteroiden nachhaltig beeinflussen und einer Gewichtszunahme entgegenwirken. Dabei wird empfohlen, vermehrt Pektine, aber auch spezielle Laktobazillenkulturen, die L. casei, L. salivarius und L. acidophilus enthalten und damit die Clostridien antagonisieren.

Mitochondralische Wirkungen können durch Mikro-Nährstoffe, wie Vitamin B und Coenzym Q, aber auch durch Metformin ausgeglichen werden.

c) Quantitative bakteriologische und mykologische Stuhluntersuchung

Nachweis von Bakterien aerob

Escherichia coli
Escherichia coli Biovare
Proteus species
Klebsiella species
Pseudomonas species
Enterobacter species
Serratia species
Hafnia species
Enterococcus species

Nachweis von Bakterien anaerob

Bifidobakterium species
Bacterioides species
Lactobacillus species
Clostridium species
EB / Kleb (ab 100 KBE)

Nachweis von Hefen und Schimmelpilzen

Candida species
Candida albicans
Schimmelpilze
Geotrichum candidum
Candida (ab 10 KBE)*.
Helicobacter pylori
Identifizierung von pathogenen Hp Stämmen durch Nachweis von Virulenzfaktoren

Für die Frauengesundheit ist die Kontamination mit Candida albicans bedeutsam. Candida albicans gehört zur Gruppe der fakultativ pathogenen Hefen, die sich unter bestimmten Voraussetzungen stark vermehren können, die Hefe benötigt wenig Sauerstoff und kann dadurch auch anaerob leben. Mit Hilfe von Exoenzymen (saure Aspartylproteasen, Phospholipasen) können pathogene Stämme aktiv in angrenzende Epithelien eindringen und dort ebenfalls Schleimhauterrosionen hervorrufen.

Das kann für chronische Kolpitiden verantwortlich sein, die man trotz Antibiotikatherapei bei vielen Patientinnen findet.
Die Klebsiellen sind potentiell pathogene Enterobakterien, die starke Ammoniakbildner sind, was zu einer Alkalisierung des Milieus und zu einer Leberbelastung führt. Werden sie außerhalb des Intestinaltraktes nachgewiesen, so haben sie ebenfalls eine pathogene Wirkung.

Eine erhöhte E. coli Keimzahl ist oft indirekter Hinweis für eine unzureichende Schleimhautimmunität. Dies kann aber auch bei einer erhöhten Hefekeimzahl der Fall sein, weshalb die Kenntnis von E. coli und Hefebakterien für die differenzierte Diagnostik wichtig ist.

Ähnlich wie in der Scheide hat auch im Darm der balancierte pH-Wert für die Physiologie große Bedeutung. Dieser wird durch das Vorhandensein von Laktobazillen und Bifidobakterien gewährleistet. Eine schwache Bifidus- und Bacteroidesflora führt zu einer Beeinträchtigung der Kolonisationsresistenz im Dickdarm, sie bilden normalerweise eine mikrobielle Barriere, die einer Ansiedlung und Vermehrung von pathogenen Bakterien, Hefen und Parasiten entgegenwirkt. Fehlen Bifidus und Becteroides, so führt das zu einer höheren Anfälligkeit für endogene Infektionen.

Gleiches gilt auch für Laktobazillen und Enterokokken. Sie produzieren saure Stoffwechselprodukte und wirken damit stark antibakteriell (über das Laktozidin, Acidophilin, Wasserstoffperoxid), was die Ansiedlung von Fremdkeimen verhindert. Bei Nahrungsmittelallergien und Neurodermitiden ist die Laktobazillus-Präsents reduziert.

Erhöhter Alph-1-Anditiopsin-Wert spricht für eine entzündliche Schleimhautirritation und geht in der Regel mit einer gesteigerten Durchlässigkeit der Darmschleimhaut einher. Nahrungsmittelallergene passieren dabei in großen Mengen den Mukosablock und belasten die nachgeschaltete systemische Körperabwehr.

Therapie:

Um die Wirkung der Laktobazillen zum Tragen kommen zu lassen, bedarf es einer Glykogeneinlagerung im Epithel. Dies ist in der Vagina genauso wie im Intestinalepithel und wird vom 17-beta-Östradiol gesteuert. Deswegen ist eine additive probiotische und hormonelle Behandlung sinnvoll.

Liegt eine direkte Mykose vor, so ist die Anwendung von lokalwirksamen Antibiotika sinnvoll.

01.-07. Tag: Behandlung des oberen Verdauungstraktes: 4-6 mal täglich nach dem Essen 1-2 ml einer Nystatin-Suspension (z.B. Biofanal) einige Minuten im Mund bewegen und dann herunterschlucken (alternativ: Amphotericin B-Suspensionen 4×1 ml).

01.-14. Tag: Behandlung des unteren Verdauungstraktes: 3-4 mal täglich nach dem Essen 2 Nystatin-Dragees (z.B. Biofanal, Moronal) (alternativ: Natamycin Dragees oder Amphotericin B Tabletten).

Das Essen von leicht verwertbaren Kohlenhydrate (Süßigkeiten und Zucker) ist unbedingt zu vermeiden.

Ist die Stuhlfora durch eine Vermehrung von Fäulniskeimen gekennzeichnet, kann über die Gabe von milchsäurebildenden Bakterien oder Praebiotika versucht werden den pH-Wert im Darmlumen abzusenken. Hierdurch wird die Rekonstitution der darmeigenen Säuerungsflora gefördert und das Wachstum von Fäulnisbakterien gehemmt. Toxisch wirkende Stoffwechselprodukte (Ammoniak, Schwefelwasserstoff) fallen in geringerem Maße an, was zu einer Entlastung der Leber führt. Durch eine Ansäuerung des Darmmilieus nimmt auch die Adhärenzfähigkeit fakultativ-pathogener Hefen ab. Ihre Ausscheidung wird begünstigt.

Bifidobakterien- oder Laktobazillenkulturen

Oral zugeführte Säurebildner führen zum Aufbau einer passageren Lumenflora, die über Stoffwechselleistungen das Darmmilieu ansäuert. Augrund der enthaltenen Keimstämme und einem sehr guten Preis-Leistungsverhältnis erscheint das Präparat Lacto 4 FOS empfehlenswert. Besonders bewährt hat sich jedoch Lactobact omni FOS, das nicht nur 4, sondern 6 Keimstämme beinhaltet. Neben ausgewählten Bifidobakterien- und Lactobazillenstämmen ist hier auch E. faecium enthalten, wodurch neben milieustabilisierenden Eigenschaften auch ein immunmodulierender Effekt zu erwarten ist. Beide Präparate sind frei von Lactose, Gluten und Hefen.

Von den Botanicals wirkt Knoblauch sowohl bei Bakterien- und Pilzbefall, Thymian bei Pilzbefall und Oregano bei Bakterienbefall des Intestinaltrakts.