Univ.prof. DDr. Johannes Huber

Haarausfall – Effluvium/Alopecia [3.4.2]

Foto einer Haarsträhne

Effluvium = Haarausfall — Alopecia = Kahlheit

Effluvium (Verlust von mehr als 100 Haaren pro Tag). Der Haarausfall kann unterschiedlicher Ätiologie sein. Die Hormonstörung (rund 60 %) ist eine der verschiedenen Ursachen.

Der Haarausfall (Effluvium)kann viele Ursachen haben, eine Ursachengruppe sind zweifellos die Hormone. Oftmals bemerkt dies die Frau selbst, da sie ihr Haarproblem mit Lebensphasen in einen Zusammenhang bringt, die durch Hormonschwankungen gekennzeichnet sind bzw.waren. Die Probleme des Haarausfalles sind vom Gynäkologen ernst zu nehmen und nicht zu bagatellisieren, erstens weil es für die betroffene Frau eine große Belastung darstellt und zweitens, weil man dagegen in den meisten Fällen auch etwas tun kann.

Von hormoneller Seite unterscheidet man vor allem drei große Ursachen für den Haarausfall:

  1. Überschuss an männlichen Hormonen. Dies zeichnet sich durch die so genannten Geheimratsecken aus, die Frau klagt mitunter auch über Akne bzw. über starke Behaarung. Konzentriert sich der Haarausfall vor allem auf diese berühmten »Geheimratsecken« (manchmal auch auf das Hinterhaupt), so liegt der Verdacht eines Überschusses an männlichen Hormonen vor. Durch eine Hormonuntersuchung kann unterschieden werden, ob das Zuviel an männlichen Hormonen den gesamten Körper betrifft oder ob nur einzelne Stellen, z.B. der Kopfbereich, davon betroffen sind. Dementsprechend kann sich auch die Therapie gestalten. Sind die männlichen Hormone im Körper erhöht, so ist ein Anti-Androgen z.B. in Form einer Tablette angezeigt. Betrifft die Hyperandrogenämie allerdings nur eine umschriebene Stelle im Körper, so kann man mit einer lokalen Therapie oft das Auslangen finden.
  2. Ein Zuwenig an weiblichen Hormonen: Dies erkennt man vor allem daran, dass im gesamten Kopfbereich das Haar dünner wird und ausfällt. Meist berichten die Patientinnen, dass während der Schwangerschaft die Haare besonders schön waren und sie nach der Entbindung dramatisch ausgefallen sind. Liegt dieser anamnestische Hinweis aus der Biographie der Frau vor, so ist - wenn das klinische Bild im Kopfbereich dazu passt - an einen Östrogenmangel-Haarausfall zu denken. Befindet sich die Patientin in der Menopause und klagt sie auch über andere menopausale Beschwerden, so ist durch eine Östrogenzufuhr in vielen Fällen das Problem zu lindern. Auch eine lokale Östrogenzufuhr ist möglich.
  3. Schilddrüsenbedingter Haarausfall: Oft sind die Schilddrüsenhormone völlig in Ordnung und trotzdem klagen manche Frauen über Symptome, die durch einen Schilddrüsenhormonmangel hervorgerufen werden. Dazu gehört auch eine spezielle Form des Haarausfalls, die sich durch einen Verlust der Haare im Schambereich und an den Augenbrauen manifestieren. Wenn dies der Fall ist, so muss eine weiterführende Schilddrüsen-Diagnose erfolgen.

Natürlich gibt es auch andere Formen des Haarausfalls, wie z.B. die Alopezia areata, die sich durch ein kreisrundes Fehlen der Haare zeigt. Hier wird von der Medizin eine immunologische Ursache angenommen. Nicht zu vergessen soll der Eisenmangel sein, der mitunter bei starken Regelblutungen auftritt und ebenfalls Ursache für den Haarausfall sein kann. Die Bestimmung des Blutbildes ist deshalb bei jedem, der an einem Haarproblem leidet, notwendig. Aber auch Umwelt-Gifte, Noten und Nikotinabusus können für den Haarausfall mitverantwortlich sein.

Die Therapie richtet sich nach der Ursache, liegen zu viel männliche Hormone vor, so müssen sie reduziert und eingedämmt werden, entweder lokal oder systemisch (über den ganzen Körper). Gleiches gilt auch für den Östrogen-Mangel-Haarausfall. Hier wird das Östradiol zugeführt: am Kopfbereich oder über den ganzen Körper. Ist es die Schilddrüse, die den Haarausfall bedingt, so ist eine Normalisierung ihrer Funktion notwendig.

Neben der hormonellen Therapie gibt es allerdings auch eine Reihe anderer Behandlungsformen. Vor allem das Blutdrucksenkende Mittel Minoxidil kann erfolgreich bei Haarausfall eingesetzt werden. Aber auch Pflanzenprodukte stehen zur Verfügung sowie Vitamine und Spurenelemente. In China, Japan und in den Vereinigten Staaten erfreut sich das Ginsengextrakt-Tonikum 101 wegen seiner Wirksamkeit hoher Beliebtheit.

Anamnese

Durch die Anamnese bzw. durch die klinische Inspektion ist folgende Unterscheidung vorzunehmen:

  1. Hypoöstrogenämisches Effluvium
  2. Hyperandrogenämisches Effluvium
  3. Schilddrüsenbedingtes Effluvium
  4. Vitamin D3-Mangel-bedingtes Effluvium
  5. Alopecia areata
  6. Toxisch-bedingtes Effluvium

A. Hypoöstrogenämisches Effluvium

I. Definiton

Diffuser Haarausfall, die Haar sind dünn. Der Haarausfall koinzidiert mit dem Beginn einer Hormonstörung (z.B. Menopause).

II. Ursachen

Hypoöstrogenämie

III. Diagnostik (Hormonbestimmungen)

FSH (zum Ausschluß des Klimakterium praecox)
Östradiol
TSH (wenn pathologisch Þ TRH-Test sinnvoll)
SHBG
Vitamin-D3

IV. Therapie

Systemisch

  1. Orale Substitutionstherapie mit einem natürlichen Östradiol und einem Gestagen der Progesteronreihe. Kein Norethisteron-Derivat.
  2. Wenn eine orale Substitutionstherapie nicht möglich ist, intravaginale Applikation von 1 mg Östriol. (Övestin Tbl.â)

Topisch

  1. Östriol-Applikation:
    Rp./ Styptanon Amp.Nr.III
    Betnovate Crinale 60.0
    Aethanoli dil. 120.0
    S.: Haarwasser
  2. Kombinationshaarwasser:
    Minoxidil 2 %
    Östradiol 0,12 %
    Finasterid 0,15 %
    S.: Haarlotion

Sonderformen des hypoöstrogenämischen Effluviums

Effluvium während der Pilleneinnahme
Therapie: Folsäure und Vitamin-Substitution (50mg B6, 2mg B12, 1-3mg Folsäure + 50mg Zink).
Wenn erfolglos – absetzen der Pille.

Effluvium post partum (Telogeneffluvium)
Das postpartale Effluvium wird durch den synchronen Übertritt der während der Schwangerschaft in der Anaphase befindlichen Haare in die Telophase hervorgerufen.
Die Therapie besteht in der Aufklärung der Patientin bzw. in der topischen Anwendung von Östriol.   ●

B. Hyperandrogenämisches Effluvium

(ca. 90 bis 95% aller Alopezien)

I. Definiton

Androgenetische Ecken (»Geheimratsecken«)

II. Ursachen

Relative oder absolute Hyperandrogenämie. Oft nur lokale, im Serum NICHT nachweisbare Hyperandrogenämie.

III. Diagnostik (Hormonbestimmungen)

LH/FSH (zum Ausschluß des PCO's)
Testosteron, DHEA (zum Ausschluß einer ovariellen oder einer
Androstendion (adrenalen Hyperandrogenämie)
SHBG (zur Abschätzung der freien Androgene)
TSH (Hypo-/Hyperthyreose)
Östradiol (DD: Hypoöstrogenämie)
Somatotropin (bei der Akromegalie sind hirsute Beschwerden beschrieben; dementsprechend gibt es auch Hinweise,daß ein Somatotropin-Mangel mit einer verlangsamten Keratinozyten-Reifung und einer verkürzten Haar-Anaphase einhergeht).

IV. Therapie

Systemisch

  1. Antiandrogentherapie mit Diane miteâ und Androdianeâ bzw. Androcurâ
  2. Wenn Empfängnisverhütung mit alkylierten Östradiol nicht notwendig oder kontraindiziert: 2 mg Östradiol-Valerat pro Tag und 10-50 mg Cyproteronacetat 10-15 Tage vor der jeweils zu erwartenden Regel.

Topisch

  1. Cyproteron, Finasterid und Östradiol-Rezept:
    Rp./Finasterid 0.15
    CPA 0.30
    Östradiol 0.12
    S.: Haarwasser
  2. Östradiol und CPA-Rezept:
    Rp./CPA 0.3
    Östradiol 0.06
    S.: Haarwasser
  3. Östradiol, Minoxidil und Finasterid-Rezept:
    Minoxidil 2 %
    Östradiol 0,12 %
    Finasterid 0,15 %
    S.: Haarwasser   ●

C. Schilddrüsenbedingtes Effluvium

Sowohl die Hypo- wie auch die Hyperthyreose können mit einem Effluvium einhergehen. Die Differentialdiagnostik erfogt durch die Klinik bzw. durch Laboruntersuchungen.

Hyperthyreose

Hypothyreose

Therapie

Bei pathologischen oder grenzwertigen TSH-Werten ist eine Durchführung des TRH-Testes sinnvoll.   ●

D. Vitamin D-3 bedingtes Effluvium

Das in der Epidermis gebildete Vitamin D-3 regt nicht nur die Basalzellen der Haut sondern auch das Wachstum der Haare an. Vor allem in den Wintermonaten kommt es zu einer Hypovitaminose, die neben immunologischen Problemen auch dermatologische mit sich bringen kann (Lancet, Vol. 346, p 207).

Hormonbestimmung

Vitamin D-3 (1, 25 di-OH-cholecalciferol): unter 20 pg/ml

Therapie

Substitution mit 1000 uIE Vitamin D3 ( 2 x 1 tägl.), Rocaltrol â , »Roche« 0,25 mcg-Kps., Rocaltrol â, »Roche« 0,50 mcg.Kps.)   ●

F. latrogen- bzw. toxisch-bedingter Haarausfall

Bei der Anamnese sind folgende Präparate zu erfragen, die zu einem Effluvium führen können:
Lipidsenker, Antimetaboliten, Antikoagulantien Korticosteroide in hohen Dosen, Gichtmittel, Multivitaminüberdosierung, Pilzmittel

Der toxisch-bedingte Haarausfall wird vor vollem durch eine Bleiintoxikation hervorgerufen. Die Vordiagnostik ist durch die Anamnese zu erstellen. Die Diagnostik der Bleiintoxikation erfolgt durch den Dimaval-Test (100 mg des Chelatbildner pro kg Körpergewicht und Messung von Kreatinin, Blei, Arsen, Kupfer, Quecksilber: nach 0, 60 und 120 Minuten im Harn. Berechnung nach Mikrogramm, entsprechend Gramm Kreatinin).   ●

Additive Therapie beim Effluvium

Beratung über sparsames Auftragen von Färbemittel, Haarfestiger etc.
Soweit es möglich ist, Haarschneiden bzw. Abschneiden der Haarspitzen.
Vitamin-H-Präparate (Biotin 300 mcg)
Zinkoratat 20 mg p.o.
Ev. Eisensubstitution (bei Serumeisen < 70 ng/ml)
Vitamin B 12 (bei < 350 ng/l) Th: 100-100 µg Vit B12/Tag