[1.4] Immunsystem

Im Unterschied zum männlichen Körper weist der weibliche eine starke Fluktuation der Sexualsteroide auf, die spiegelbildlich auch eine kurzfristige Änderung von Zytokinen bewirkt. Steroide haben per se eine immunsuppressive Wirkung, – von Ausnahmen abgesehen – die durch einen Abfall der Geschlechtshormone aufgehoben werden kann. Dadurch kommt es zum Ansteigen von Zytokinen.

Im Unterschied zum Mann muss die Frau monatlich eine Eizelle freisetzen, was über den komplizierten Vorgang des Eisprung passiert, sie menstruiert, ebenfalls ein physiologisch sehr komplexes Geschehen und sie setzt am Ende der Schwangerschaft die Wehen in Gang. Diese drei frauenspezifischen Vorgänge werden durch das Immunsystem vorbereitet und durchgeführt. Um die Eizelle freizusetzen, wird für kurze Zeit das Eibläschen einer »Immunattake« ausgesetzt, dadurch reisst das Eibläschen ein, es kommt zum Eisprung und die Eizelle wird in den Eileitern weitertransportiert. Auch bei der Menstruation und beim Wehenbeginn spielen zahlreiche immunologische Vorgänge eine Rolle. Dies erklärt auch die höhere Anfälligkeit, die Frauen für hautagressive Erkrankungen haben.

Die Arthropathia climacterica wird oft mit Erkrankungen des rheumatoiden Formenkreises verwechselt, was zu völlig unnötigen Untersuchungen, aber auch zu belastenden antirheumatischen Therapien führt. Eine lokale Östrogenzufuhr würde bei vielen Patientinnen das Problem der Gelenksschmerzen lösen. Auch transdermal verabreichtes Östrogen unterdrückt Interleukin-6 und bewirkt damit eine Beseitigung der Östrogendefizit-abhängigen Arthropathie.

Aber auch die Inzidenz rheumatoider Erkrankungen ist geschlechtsspezifisch, sie kommen beim weiblichen Geschlecht wesentlich häufiger vor als beim Mann. Ein Phänomen, das in zunehmendem Maße auch bei der Diagnostik und der Therapie des rheumatoiden Formenkreises Berücksichtigung finden muß. Gleiches gilt auch für Autoaggressionskrankheiten wie Morbus Hashimoto, Lupus erythematodes (neuen von zehn Erkrankten sind Frauen) und Multiple Sklerose.

Frauen sind immunologisch gesehen talentierter als Männer. Diese Tatsache kann ein Vorteil, aber auch ein großer Nachteil (Autoimmunerkrankungen) sein. Die Erklärung für diese Erkenntnis scheint wiederum im intensiven Zusammenspiel zwischen Immunsystem und Reproduktionssystem zu liegen. Um den evolutionären Auftrag der Fortpflanzung erfüllen zu können, muß ein »Xenotransplantat« (= Embryo) toleriert werden können. Studien zeigten die Komplexität dieses Zusammenhanges. Prä- und periovulatorisch kommt es – östrogenbedingt – zu einer enormen Steigerung der immunologischen Aktivität, welche in der Lutealphase – progesterondominiert – rasch wieder sinkt, um toleranter gegenüber einer möglicherweise stattfindenden Implantation zu werden.

Diese immunregulativen Mechanismen kommen nicht nur im Endometrium zu tragen, sondern spielen sich im gesamten weiblichen Körper, im besonderen aber im Bereich der Schleimhäute ab. Vereinfacht dargestellt ist die immunologische Potenz einer Frau in der ersten Zyklusphase größer als in der zweiten. Es wird auch schon die Meinung vertreten, daß abhängig von er Immunitätslage der Frau, also in welcher Zyklusphase sie sich befindet, die Suszeptibilität für STD´s und letzten Endes auch für HIV unterschiedlich ist. Eine Studie hat bereits bei Affen nachgewiesen, daß die Übertragung sexuell übertragbarer Keime in der Lutealphase signifikant höher ist als zu einem anderen Zeitpunkt. Dies zu wissen, hat nicht nur eine enorme Konsequenz in Bezug auf sexuell übertragbare Erkrankungen und damit auf die Gesundheit von Millionen Frauen, sondern allgemein auf die weibliche immunologische Reaktionskraft. Es wird bereits auch erwogen, ob es nicht einen idealen Zeitpunkt im Zyklus für Impfungen gibt, wo eine optimale Immunantwort und damit die Ausbildung von Antikörpern erwartet werden kann.

Das Immunsystem der Frau ist in den fertilen Jahren am Höhepunkt seiner Aktivität, fällt aber ebenso einem Alterungsprozeß anheim wie der gesamte Organismus. Eine besonders starke Veränderung kann man nach dem Eintritt der Menopause erkennen. Sobald die Östrogenproduktion sistiert, verringert sich auch die Menge an zirkulierenden Antikörpern und die Immunantwort wird langsamer. Präexistent bestandene Autoimmunerkrankungen werden interessanter Weise aber nicht besser. Trotz dieser immunologischen Alterung sind Frauen insgesamt im Alter gesünder und ihre Lebenserwartung ist länger.