[1.10.6] Die Gebärmutterschleimhaut

Der Einfluss von Stress und von Riechhormonen auf den Menstruationszyklus

Erst in jüngerer Zeit gelang es der Forschung, jenes Hormon aufzustöbern, das als Bindeglied zwischen Eierstock und Körpergewicht fungiert. Unter Stress stellen Endorphine den Eierstock ruhig (womit sich naturwissenschaftlich erklären läßt, wieso Kränkungen, Stress und Belastungen Hauptursachen für Zyklusunregelmäßigkeiten sind); und bei Gewichtsveränderungen greift das Hormon Leptin ins Geschehen ein. Leptin ist ein Protein, das von der Fettzelle gebildet wird und das über das Gehirn und die Hirnanhangdrüse mit den Keimdrüsen der Frau kommuniziert. Daß das Fettgewebe des Körpers über ein ganz spezielles Hormonsystem mit den Eierstöcken in Diskussion tritt, ist eine völlig neue – und wohl auch sehr erstaunliche – Erkenntnis der vergangenen Jahre. Verständlich wird dieses Prinzip wieder nur dann, wenn es unter dem evolutionären Aspekt der Fortpflanzung gesehen wird. Denn die Fettzellen bilden das Energiereservoir für die Weitergabe der Art. Durch sie schöpft die Frau Kraft zur Bewältigung der Schwangerschaft; durch sie wird nach der Geburt die Stillphase garantiert. Zur Milchbildung benötigt die Brust große Energiemengen, die aus den Fettzellen von Oberschenkel und Gesäß gewonnen werden. Sind diese Fettzellen reduziert, ist die Ernährung des Kindes nicht mehr gesichert. Und schon wird diese Botschaft auf raschen Hormonwegen dem Körper mitgeteilt. Die Folgen: Ähnlich wie beim Stress bleibt der Eisprung aus und der Zyklus wird unregelmäßig. Sind dagegen ausreichend Fettzellen vorhanden, kann durch sie reichlich Leptin aufgebaut werden. Über die Hypophyse und die Hirnanhangdrüse wird dadurch die Hormonbildung im Eierstock garantiert.

Ballettänzerinnen und Sportlerinnen, die aus beruflichen Gründen die Fettdepots ihres Körpers permanent reduzieren müssen, sind bekannt für ihre Zyklusstörungen und das Ausbleiben der Regel. In diesem Fall ist es wohl nicht sinnvoll, Hormone zu verschreiben. Der Arzt wird – beschränkt auf solche Fälle und sicher nicht generell – der Patientin eine Gewichtszunahme von mehreren Kilogramm empfehlen. Dadurch werden wieder neue Fettdepots aufgebaut und in den meisten Fällen kann so der Zyklus wieder stabilisiert werden.

Besonders anfällig für Hormon- und Zyklusstörungen sind auch Flugbegleiterinnen, die auf Langstrecken mehrere Zeitzonen durchfliegen. Wobei bei diesem Phänomen auch noch der Faktor Licht eine wichtige Rolle spielt. Alle Probleme, die saisonal auftreten, vor allem aber bei Blutungsunregelmäßigkeiten, sind mitbeeinflußt durch einen Sonnenfaktor, der in den Organismus doch mehr eingreift, als die Wissenschaft noch vor wenigen Jahren dachte. Im Zusammenhang mit dem Licht ist das körpereigene Melatonin jene Substanz, die auf Menstruation und Reproduktion großen Einfluß nimmt. Wobei die hormonelle Vernetzung der Systeme genial konstruiert ist: Unter Stress stellt das Endorphin die Achse zu den Eierstöcken her; bei Gewichtsdifferenzen ist es das Leptin; und bei Lichtschwankungen ist es das Melatonin.

Das Melatonin – auch »Hormon der Nacht« genannt – ist ein sogenanntes kleines Hormon, das in der Zirbeldrüse des Gehirns (Epiphyse) gebildet wird. Zarte Nervenfasern verbinden die Augen mit dieser kleinen Drüse und regulieren so, daß Melatonin lichtabhängig freigesetzt wird. Strahlendes Sonnenlicht hemmt, Dunkelheit dagegen fördert die Melatoninfreisetzung. Die Epiphyse ist nicht ident mit der Hirnanhangdrüse (Hypophyse). Im Gegenteil: Beide Hirndrüsen stehen einander reserviert gegenüber. Steigt nämlich unter Einfluß der Dunkelheit die Melatoninproduktion in der Epiphyse, legt das dort gebildete Melatonin die Hypophyse teilweise lahm. Das Hormon Melatonin hat daher einen ausgesprochen antireproduktiven Effekt. Im Labor wurde die Wechselwirkung schlüssig nachgewiesen: Wird an Ratten Melatonin verfüttert, bilden sich die Eierstöcke der Tiere zurück. Setzt man sie dagegen permanent einem der Sonne vergleichbaren Licht aus, wachsen sie. Sie werden schwerer und bilden somit mehr Sexualhormone.

Womit sich wissenschaftlich auch die legendäre Wirkung der lauen Mainächte ableiten läßt: Sonnenschein, Wärme – vielleicht sogar ein schöner Strand am Meer – wirken bisweilen aphrodisierend. Das für erotische Vorhaben störende Melatonin wird stark eingebremst.

Das Melatonin ist nicht beschränkt auf die Gattung Mensch. Dieses Hormon ist das Erbe einer Jahrmillionen andauernden Evolution, in der die Wirbeltiere in bestimmten Teilen des Planeten auf einen saisonalen Rhythmus eingeschworen wurden. Die Zeugung von Nachkommen und das Erwachen der jahreszeitlichen Reproduktionsperiode sind lichtabhängig. Bei zahlreichen Tieren, die in unseren Breiten (mit den vielen Wintermonaten) leben, kommt die Zeugungsfähigkeit überhaupt erst dann in Gang, wenn die Zeit der Kälte überwunden ist und die Tage wieder länger werden.

Ganz anders ist es in den Teilen der Welt, in denen die Sonne unterschiedliche Tageslängen erzeugt. In diesen Regionen hat sich die Fortpflanzung dem Sonnenzyklus angepaßt. Sie garantiert auf einfache und von der Natur vorbestimmte Weise, daß Nachkommen erst dann gezeugt werden können und das Licht der Welt erblicken, wenn mit dem Naturerwachen ausreichend Pflanzen und andere Nahrungsmittel zur Verfügung stehen. Länger werdende Tage garantieren ausreichend Wärme. Lebewesen, die im tiefsten Winter zur Welt kommen, haben bei weitem nicht jene Überlebenschancen wie die, die im Frühling geboren werden.

Das erklärt, warum Fortpflanzung und Eierstockaktivität bei zahlreichen Säugetieren jahreszeit- und lichtabhängig sind. Ein Rest dieser evolutionär bedingten Interaktion ist auch noch im Lebewesen Mensch erhalten geblieben: Bei ihm nimmt das Melatonin Einfluß auf den Menstruationszyklus und die Eierstockaktivität.

Ethnologen berichten, daß bei Nomadenvölkern auch Mondphasen Einfluß auf das Menstruationsverhalten haben sollen. Wissenschaftlich nachgewiesen ist diese Beobachtung zwar noch nicht, doch wenn sie sich objektivieren läßt, wäre das Melatonin ein biochemischer Kandidat für die Brücke zwischen Mond und Eierstock. Es gibt Berichte von Völkerkundlern, die ein erstaunliches Phänomen vermelden: Bei Nomadenfrauen, die unter freiem Himmel schlafen, soll der Zyklus absolut synchron verlaufen. Die Frauen menstruieren am gleichen Tag und haben im selben Monatszeitraum den Eisprung.

Dazu eine andere kulturhistorische Betrachtung. Bei altorientalischen Kulturvölkern, die unter freiem Himmel lebten, wurden Fruchtbarkeitsfeste auf die Mondphasen abgestimmt. Die Priesterklasse setzte also die Termine für Tempelfeiern nach dem Mondstand an – nicht, um ein sexuelles Bacchanal zu organisieren, sondern um dem Volk Nachkommenschaft zu sichern. Kinder, Söhne und Krieger waren Garanten für das Überleben von Völkern. In einem Stamm, in dem alle Frauen zur gleichen Zeit menstruieren, hätten sie alle auch zur gleichen Zeit ihren Eisprung. Möglicherweise wurden diese Zusammenhänge von den Priestern erkannt und die Tempelfeiern danach terminlich abgestimmt. Im weiten Sinn wäre das eine rituelle Form von Konzeptionsberatung.

Lichtfaktoren greifen also in die Eierstockaktivität ein; aber nicht nur – dem Licht kommen auch andere Aufgaben zu. Licht moduliert Stimmungen und vertreibt die Wintermüdigkeit. Ungeklärte Depressionen können durch künstliche Sonne bereits jetzt behandelt werden – Erfahrungswerte liegen bereits vor: Das therapeutische Lichtbad muß mindestens 2500 Lux hell sein und eine Stunde lang, zwischen 6 und 8 Uhr morgens konsumiert werden.

An der Winterdepression (»saisonal affectiv disorder«) erkranken in den USA jährlich 100 von 100.000 Bürgern im Norden, aber nur 3 von 100.000 im Süden. Die Hormone Melatonin und Serotonin sind an dieser Depression – eine psychische Belastung mit hohem Suizidpotential – beteiligt. Durch eine Phototherapie kann dieses Leiden gebessert werden.

Somit also noch eine Verbindung zum Eierstock: Das Licht nimmt Einfluß auf Stimmung und Ovar – integriert wird es durch das Melatonin.

Es gibt aber noch einen weiteren Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Menstruationsverhalten und Einwirkung durch Sonnenlicht: Kunstlicht wird vom Organismus nicht als natürliches Licht akzeptiert. Die Zirbeldrüse schätzt Neonlicht ein als Dunkelheit. Im kalten Licht der Neonröhren werden große Melatoninmengen freigesetzt – Frauen, die unter künstlichem Licht arbeiten, haben dadurch seltener einen Eisprung. Unter Dunkelheit steigt das Melatonin an. Es unterdrückt die Hormone des Ovars. Dadurch fällt der Eisprung aus und der Menstruationszyklus wird labil. Verständlicherweise wurde oftmals versucht, diese Antihormonwirkung des Melatonins zur Empfängnisverhütung zu nutzen – bisher scheiterten diese Experimente aber. Doch sie illustrieren sehr plakativ die Vielschichtigkeit der Komponenten, denen der Eierstock einer Frau ausgesetzt ist. Das erklärt auch, daß die Ursache für Zyklusunregelmäßigkeiten nicht immer gefunden werden kann und sich viele Symptome derzeit noch einer definitiven Diagnose entziehen.

Zu den geheimnisvollsten und interessantesten Umwelteinflußfaktoren gehören die Pherhormone. Sie nehmen Einfluß auf Fortpflanzung und Reproduktion, sind aber medizinisch kaum greifbar. Genaugenommen sind sie typische Beispiele für die Schwierigkeiten, denen die Diagnostik in diesem Zusammenhang unterliegt.

Pherhormone sind Riechstoffe, die über das olfaktorische Sinnessystem den Körper – vor allem die Fortpflanzung – beeinflussen. Diese Hormone sind Botenstoffe im wortwörtlichen Sinn – sie transferieren Informationen und senden Botschaften. Entwicklungsgeschichtlich sind sie uralt. Zu finden sind sie bei Insekten, Fischen und fast allen Wirbeltieren. Mit ihrer Hilfe werden Reviere abgesteckt und in raffiniertester Weise Eigentumsbereiche markiert. Sie sind ein geniales Kommunikationssystem, das unter den Artgenossen den Austausch von Botschaften über weite Distanzen hinweg erlaubt, vergleichbar fast mit Funkverbindungen.

In erster Linie aber dienen Pherhormone der Fortpflanzung und der geschlechtlichen Lust. Laicht ein Goldfisch, gibt er mit den Eiern zahllose Riechstoffe ab. Die signalisieren den Männchen, daß sie erwartet werden. Besonders naturverbundene Fischer machten ähnliche Beobachtungen bei zahlreichen anderen Fischarten. Sie werden diese Feststellungen wahrscheinlich nicht wissenschaftlich deuten, wohl aber können diese kommerziell genutzt werden: Geschlechtsreife Weibchen dienen als Köder, um möglichst viele Goldfischmännchen anzulocken. Also bedient sich auch die Fischerei der weiblichen Pherhormone, um eine möglichst hohe Zahl an Männchen in die Netze zu locken.

Das Weibchen – ein Köder. Diese Metapher erlaubt auch menschliche Vergleiche.

Pherhormone werden an verschiedenen Körperstellen gebildet. Krokodile haben in ihrer Kehle Drüsensäcke, die ein stark riechendes Sekret produzieren, das unmittelbar vor der Paarung ausgeschieden wird. Auch bei Echsenweibchen kommen diese Hormone zum Einsatz. Deren Oberschenkel sind in der Lage, über Poren Pherhormone zu sezernieren und damit Männchen zu betören. Ihre Oberschenkel haben also fast die Funktion eines Geschlechtsorganes. An der weiblichen Ratte sind solche Drüsen um die Klitoris angeordnet. Im Vaginalsekret von Hamstern ist ein Lockstoff enthalten, der beim Männchen Kopulationsversuche auslöst. Dies auch dann, wenn statt eines echten Weibchens nur eine mit dem Sekret behandelte Attrappe zur Verfügung gestellt wird. Womit nebstbei bewiesen werden kann, daß der Geruchssinn die optische Wahrnehmungsfähigkeit dieser Tiere übersteigt. Es kommt einzig und allein auf den Duftstoff an. Kühe, Pferde und Kamele scheiden über den Urin Verbindungen aus, die aphrodisierend auf Männchen wirken. Die wiederum schicken Signale zurück, wodurch die Ovulation erst in Schwung kommt. Beobachtet man Wildtiere in freier Natur, ist deren Unruhe, Behendigkeit und Sensibilität unübersehbar. Da für eine geschlechtliche Vereinigung aber ein gewisses Maß an Ruhe und Muße gefordert wird, erscheint die Realisierung des Geschlechtsaktes angesichts der Nervosität dieser Tiere technisch fast unmöglich. Er gelingt dennoch – wiederum mit einem genialen Trick der Natur: Schweißdrüsen und Speichel bewirken mit den darin enthaltenen Stoffen einen Duldungseffekt, der die Paarungsbereitschaft im entscheidenden Augenblick in ein Stehverhalten – Stehen im wortwörtlichen Sinn – umfunktioniert. Die legendäre »rauschige Sau« wird dadurch beim eigentlichen Paarungsakt lammfromm. Ausgelöst wird diese Duldungsbereitschaft zur rechten Zeit durch Riechstoffe und Pherhormone.

Sogar in die Schwangerschaftsentwicklung greifen diese Pherhormone ein. Primaten treten in Rudeln auf, deren Führer – das Alphamännchen – die sexuelle Dominanz besitzt. Fast 80% aller Kopulationen werden von ihm vorgenommen. Üblicherweise gelingt es ihm, diesen privilegierten Posten zwei Jahre lang zu verteidigen und zwar solange, bis er im Rahmen des Alterungsprozesses von einem Jungmännchen abgelöst wird. Damit wird ihm abrupt fast jede sexuelle Betätigung entzogen. Weibchen, die vom besiegten Männchen trächtig sind, abortieren im Rahmen des Machtwechsels unmittelbar nach der ersten Kopulation mit dem neuen Rudelsführer. Das heißt, sie stoßen die Leibesfrucht des verstoßenen Exgeliebten ab. Das Signal, das diese dramatischen Wirkungen hervorruft, besteht aus Riechstoffen, welche beim neuen Rudelchef andere sind als bei seinem Vorgänger. Dieser Wechsel in den Riechsignalen initiiert eine ganze Reihe von biochemischen Vorgängen, die schließlich den Abortus bewirken. Diese spektakuläre Folge eines Regimewechsels im Tierreich beweist, wie eng Pherhormone, Fortpflanzung, Riechstoffe und Menstruationszyklus miteinander in Verbindung stehen.

Beim Homo sapiens hat sich die Natur zu einer höheren und weniger brutalen Vorgangsweise entschlossen. Der Wechsel von Sexualbeziehungen ist nicht mehr automatisch mit Aborten verbunden. Beim Mensch blieb nur eine Façette des Geschehens erhalten: die Geruchsempfindlichkeit. Das geflügelte Wort, daß einer den andern nicht riechen kann, ist endokrinologisch und biochemisch längst nachgewiesen.

Was ist nun eigentlich dieses mächtige Ferhormon, das nicht nur in das sexuelle Verhalten eingreift, sondern auch die Einnistung des Embryos, die frühe Schwangerschaft und sogar das soziale Verhalten beeinflußt? Wie schaut dieser Stoff aus?

Christian Dior hat einen ganz besonderen Duft kreiert. Es ist dies ein Riechstoff mit Langzeitwirkung, teuer verpackt in einer grünen Phiole, der selbst für untrainierte Nasen ganz signifikant herb ist. Die Hauptessenz dieses berühmten Parfums ist Moschus – ein Ferhormon, das bei Raubkatzen, Füchsen und Löwen sexuelles Verlangen auslöst. Muscon und Zepedon werden diese Stoffe genannt, die chemisch eine gewisse Verwandtschaft zu den Geschlechtshormonen aufweisen. Kurzkettige Fettsäuren wiederum kommen vor allem im Vaginalsekret von Schimpansinnen vor. Der Achselschweiß des Mannes enthält das männliche Hormon Androstendion, das auch im Speichel der männlichen Sau als Lockstoff fungiert. Dort allerdings ist es in so hoher Konzentration vorhanden, daß es den ganzen Körper des Tieres geruchlich kontaminiert. Eberfleisch ist dadurch ungenießbar und damit auch nicht verkäuflich.

Der evolutionäre Sprung vom Schimpansen zum Homo sapiens ist recht kurz. Biologische Rückschlüsse und Hinweise auf Verwandtschaften sind daher zulässig.

Die Endokrinologen wurden daher ausgesprochen hellhörig, als die Existenz von Pherhormonen auch bei den Primaten nachgewiesen werden konnten. Die Forschung stellte von da an erstaunliche Zusammenhänge fest. Schimpansenmädchen sind besonders ausgelassene Tiere. Zeitweise sind sie sogar aggressiv und müssen unentwegt von der Mutter in Schach gehalten werden. Dabei ist es unerheblich, ob die Muttersau leibhaftig präsent ist. Es genügt, daß die weiblichen Nachkommen mehrmals täglich die Stimme des Muttertieres hören und dessen Riechstoffe verbreitet werden, um im Kindergarten der Schimpansenfamilie Ordnung zu halten. Sind dem Nachwuchs die Pherhormone der Mutter entzogen, bricht die familiäre Welt zusammen. Die Jungen fallen übereinander her, sie beginnen wild zu onanieren und verletzen sich in diesem Durcheinander bisweilen schwer. Taucht die Mutter wieder auf, kehrt die Ruhe in den Schimpansenzirkus zurück.

Beim Schimpansenmädchen lösen männliche Riechstoffe die Pubertät aus. Diese Beobachtung kann auch auf den Menschen transferiert werden: Mädchen, die in einem Familienverband großwerden, kommen früher in die Pubertät als ihre Altersgenossinen, die mit der Mutter alleine leben.

Wissenschaftlich ist erwiesen, daß Pherhormone die Hirnanhangdrüse stimulieren. Chemisch sind diese Stoffe in jene Verbindungsgruppe einzureihen, die den Menstruationszyklus beeinflussen und auch für Unregelmäßigkeiten beim Blutungsverhalten der Frau verantwortlich sein können.

Viele Umstände deuten darauf hin, daß die Pherhormone im menschlichen Körper wesentlich mehr Einfluß ausüben, als bisher gedacht. Die hypophysären Hormone (Hormone, die in der Hirnanhangdrüse erzeugt werden, darunter das Wachstumshormon, STH oder das Schilddrüsen-stimulierende Hormon, TSH), das Luteinisierende Hormon, LH (das bei der Frau den Eisprung und beim Mann die Testosteronproduktion anregt) und das Follikelstimulierende Hormon, FSH (das bei der Frau das Follikelwachstum im Eierstock und beim Mann die Reifung der Samenzellen veranlaßt) stehen auch beim Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit unter dem Kuratel von Riechstoffen. Daß Pherhormone auch im Menschen wirksam werden, wurde lange Zeit nur vermutet – mittlerweile ist diese Annahme durch ein raffiniertes Experiment bestätigt worden. 20 Frauen erklärten sich bereit, 30 Tage lang eine Nasenbinde zu tragen. Bei der einen Hälfte der Probandinnen wurde auf die Binde normaler Alkohol, bei der anderen Hälfte ein Ferhormon aufgeträufelt. Die Frauen wurden willkürlich ausgewählt. In diesen 30 Tagen zeigten sich unerwartete Wirkungen: Die Riechstoffe synchronisierten den Mestruationszyklus der Probandinnen. Was bedeutete: Die zehn in ihrem Blutungskalender vollkommen differenten Frauen begannen am gleichen Tag zu menstruieren, während in der Placebogruppe der Alkohol unwirksam blieb. Ein Einbildungseffekt oder gar irgendeine Form von Massenhysterie kann aufgrund dieses Experiments vollkommen ausgeschlossen werden. Tatsache ist, daß die Pherhormone nachhaltig wirksam wurden und die Herrschaft über das Blutungsverhalten der Frauen auszuüben begannen.

Aus angelsächsischen Ländern, in denen es besonders viele Mädcheninternate gibt, wurde ein Phänomen bekannt, das die längste Zeit nicht gedeutet werden konnte. Zwei im gleichen Schlafsaal eng nebeneinander lebende Mädchen passen sich gegenseitig in den einzelnen Zyklusphasen so an, daß sie danach gemeinsam menstruieren. Durch das beschriebene Ferhormon-Alkohol-Experiment findet diese Beobachtung seine Bestätigung.

Kürzlich bestätigte ein weiterer Versuch die immense Bedeutung der Pherhormone beim Menschen. Werden nämlich männliche Riechstoffe einer Frau in der ersten Zyklushälfte verabreicht, beschleunigt dies den Eisprung. Der erste Zyklusteil wird kürzer, die Ovulation tritt schneller auf. Der gleiche Riechstoff hat in der zweiten Zyklusphase einen zyklusverlängernden Effekt.

Schon in seinem Roman »Das Parfum« machte der Schriftsteller Patrik Süßkind auf die kommunikative Potenz der Riechstoffe aufmerksam. Ohne es zu ahnen hatte der Schriftsteller über eine taufrische naturwissenschaftliche Erkenntnis einen Bestseller geschrieben:

»Jean Baptist Grenouille sollte zum Tode verurteilt und exekutiert werden, da er 25 Jungfrauen mordete, um in den Besitz ihrer Riechstoffe, ihrer Pherhormone zu kommen, die er am Henkershügel, unmittelbar vor seiner Exekution, über das anwesende, schaulustige Volk verströmte.

Die Folge war, daß die geplante Hinrichtung eines der verabscheuungswürdigsten Verbrecher seiner Zeit zum größten Bacchanal ausartete, das die Welt seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert gesehen hatte: Sittsame Frauen rissen sich die Blusen auf, entblößten unter hysterischen Schreien ihre Brüste, warfen sich mit hochgezogenen Röcken auf die Erde, Männer stolperten mit irren Blicken durch das Feld von geilem, aufgespreiztem Fleisch, zerrten mit zitternden Fingern ihre wie von unsichtbaren Frösten steif gefrorenen Glieder aus der Hose, fielen ächzend irgendwo hin, in unmöglichster Stellung und Paarung, Greise mit Jungfrauen, Taglöhner mit Advokatengattinnen, Lehrbuben mit Nonnen, Jesuiten mit Freimaurerinnen, alles durcheinander, wie es gerade kam. Die Luft war schwer mit süßem Schweißgeruch und lautem Geschrei, Gegrunze und Gestöhn der zehntausend Menschetiere. Es war infernalisch.«
(Patrik Süßkind, Das Parfum)