[1.4] Immunsystem
Im Körper der Frau offenbart sich ein Yin-Yang-Mechanismus: Einerseits werden körpereigene Substanzen durch ein Überschießen des Immunsystems angegriffen und eliminiert, wie z.B. die Gebärmutter¬schleimhaut bei der Menstruation, andererseits aber unterdrückt die Frau Immunreaktionen, die zur Abstoßung des auch vom Vater stammenden Kindes führt – eine Suppression des Immunsystems findet statt. Beide Immunreaktionen, die Unterdrückung und auch die Überstimulierung des Immunsystems dienen der Fortpflanzung und den damit verbundenen repro¬duktiven Reaktionen. Und so liegt es auch auf der Hand, dass jene Hormone, die einerseits die Fortpflanzung steuern, andererseits auch auf die dafür notwendigen Immunvorgänge achten; dies gilt vor allem für das Östrogen und für das Progesteron. Beide Hormone steigen in der Schwangerschaft an und stellen das aggressive Immunsystem ruhig, das die Abstoßung des Kindes verhindert. Während der Schwangerschaft zeigen sowohl das Östrogen, wie auch das Progesteron einen stabilen Verlauf. Anders hingegen ist es während des Menstruationszyklus, vor dem Eisprung und vor der Regelblutung.
Die Natur kann es sich gar nicht leisten zu gendern. Wären Mann und Frau tatsächlich gleich, wäre der natürliche Sinn des Lebens dahin. Keine Nachkommen. Um sich zu vermehren, braucht es zwei verschiedene Organismen. Die Aufgaben sind verteilt. Und auch die Nachteile.
Die Liste der Auto-Immunerkrankungen, die bei Frauen häufiger auftreten als bei Männern, ist erschreckend lang. An erster Stelle steht die rheumatoide Arthritis. Und dann geht es Schlag auf Schlag. Lupus Erythematodes, die Schmetterlingsflechte. Morbus Hashimoto, eine chronische Entzündung der Schilddrüse. Morbus Addison, eine Unterfunktion der Nebennierenrinde. Diabetes Typ eins. Myastenia Gravis, Muskelschwäche. Vitiligo, die Weißfleckenkrankheit, eine an sich harmlose Pigmentstörung, ganz im Gegenteil zur Multiplen Sklerose. Alles bei Frauen häufiger. In einer immunologischen Ambulanz wird man sich schwertun, einen Mann zu finden.
Bei aller Umsicht der Natur fragt man sich doch: Warum genau muss die Frau mehr leiden als der Mann?
Eine Ursache kennen wir schon, sie betrifft Frauen, die bereits Mütter sind. Nach der Entbindung bleiben die fötalen Zellen im Körper der Frau erhalten und können Überreaktion hervorrufen.
Die zweite Erklärung betrifft alle Frauen. Ohne Ausnahme. Es ist – wie schon erwähnt – der Eisprung. Und es ist die Menstruation. Einmal im Monat, vier Jahrzehnte lang.
Die rein mechanistische Biologie und Medizin waren immer der Meinung, dass die Ovulation bloß ein Moment ist. Ein kleiner Knall. Plopp und ein Bläschen platzt. Ein winziger Luftballon, den es zerreißt. Das ist keine Polemik. So haben wir das gelernt. Sobald ausreichend Follikelflüssigkeit drinnen ist, platzt das kleine Ding.
In Wirklichkeit ist das ein abgekartetes, hochintelligentes immunologisches Spiel. Ein Naturschauspiel der Holistik.
In dem Moment, da der Follikel sprungreif ist, kommen Immunzellen angeschossen und brennen an einer Stelle dieses Follikels ein Loch hinein.
Die Immunzellen müssen gegen die Follikelflüssigkeit ganze inflammatorische Prozesse in Gang setzen. Mit diesem Loch bekommt der Follikel die Möglichkeit, die Eizelle wieder hinausschwimmen zu lassen. Es ist sozusagen eine Immunreaktion ohne Bakterien.
Das gleiche tut sich bei der Menstruation. Auch das hat man früher um einiges leidenschaftsloser gesehen. Beim Eisprung platzt ein Bläschen, und die Menstruation ist so was wie Aufräumungsarbeiten.
Wie der Eisprung ist auch die Menstruation höchst immunologisch. Immerhin ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Monat für Monat ein Stück Organ vom eigenen Körper entfernt wird. Das ist es, was da stattfindet. Man macht es sich nur so selten bewusst.
Schleichen wir uns in den weiblichen Körper und spielen kurz Zaungast. Gerade noch herrschte Hochspannung im Unterleib. Alles war auf die Schwangerschaft vorbereitet, alles war auf die Zeugung eingestellt, alles hat auf die Empfängnis hingefiebert. Vergebens, diesen Monat wird es nichts mit einem neuen Erdenbürger. In dem Moment, in dem der Körper merkt, dass sich hier niemand eingenistet hat, beginnen die nötigen Arbeiten, die letzten Endes nur dafür da sind, reinen Tisch für die nächste Chance zu machen.
Entzündungsmediatoren von mononuklearen Zellen stürmen die Gebärmutterschleimhaut. Ihr Job ist es, Entzündungsreaktionen im Gewebe einzuleiten. Was sie hier vorhaben, ist ein durchaus ehrgeiziges Projekt. Sie initiieren nämlich einen „Rheumaschub“ in der Schleimhaut des Uterus. Das darf man ruhig brutal nennen, es geht schließlich darum, die Gebärmutterzellen absterben zu lassen und rauszuschmeißen. Es ist ein ansehnlicher Immunschub.
Genau betrachtet, ist es ein Angriff auf sich selbst. Der weibliche Körper hat die Neigung, gegen sich selbst vorzugehen, und er muss sie haben. Denken wir nur an die verstärkte Blutgerinnung, damit Mutter und Kind die Geburt überleben. Dafür ist sie großartig, andererseits begünstigt sie Thrombosen und schadet der Frau.
Die vermehrte Neigung zu Autoaggression ist nichts anderes. Um alle vier Wochen radikal in der Gebärmutter aufzuräumen, ist sie vonnöten. Aber es kann immer etwas schiefgehen oder fehlgeleitet sein. Körpereigenes Gewebe kann deshalb auch woanders abgestoßen werden, wo es eigentlich nicht abgestoßen werden sollte.
Wie die Dinge zusammenhängen, erklärt letztlich auch das Phänomen, warum in der Zeit der Schwangerschaft viele Probleme gar nicht auftreten oder sich wesentlich bessern. Während dieser neun Monate findet eben keine Ovulation statt. Es gibt keine Menstruation. Und damit keinen Angriff der Immunzellen. Soweit, so logisch.
In der Schwangerschaft wird zum Beispiel Multiple Sklerose besser. Migräne ist zum Teil wie weggeblasen. Die rheumatoide Arthritis wird fast handzahm. Neun Monate lang. Kaum hat die Frau entbunden, stehen die Unholde alle wieder auf der Matte. Und gebärden sich oft schlimmer als vorher.
Natürlich ist mein Streifzug durch die Immunologie das, was das Wort sagt: ein Streifen. In die Materie einzutauchen, sprengt Seiten. Ich beschränke mich hier auf die Immunreaktionen, die nicht durch Bakterien ausgelöst sind. Und damit kreuzen sich unsere Wege schon wieder einmal mit dem Östrogen.
Das Hormon ist ein Immunfaktor, der bei der Frau eine prominente Rolle spielt. Während des gesamten Zyklus schwankt der Östrogenspiegel. An einem einzigen Tag ist er sehr hoch, das ist der Tag des Eisprungs. Und der bewirkt, dass im Zellenbereich vermehrt Histamin freigesetzt wird. Die Ausschüttung dieses Gewebshormons und Neurotransmitters führt zu einer verstärkten Durchblutung des Follikels, und dort, wo er dann reißt, zu einer verstärkten Einwanderung immunkompetenter Zellen, den Makophagen.
Kurzum: Am Tag des Eisprungs hat die Frau am Follikel im Eierstock eine Histamin-Exposition.
Sie ist anfälliger auf alle möglichen allergischen Reaktionen. Die einen bekommen Heuschnupfen. Bei manchen Frauen ist am Dekolleté alles rot. Histamin. Als wolle die Natur mit Signalfarbe darauf hinweisen: Achtung, heute Eisprung!
Man weiß es seit Jahren, dass die Histaminfreisetzung aus den Mastzellen durch hohe Östrogene angeregt wird. Das Östrogen „degranuliert„ – öffnet – das Histamindepot dieser Zellen, wodurch Symptome am Körper der Frau zu beobachten sind, die mit einer erhöhten Histaminfreisetzung assoziiert sind: Allergien, Hautausschläge und mitunter auch Atemprobleme. Tatsächlich erzählen Frauen mitunter, dass in Zyklusmitte, wenn das Östrogen am höchsten ist, die histaminbedingten Probleme den weiblichen Körper verstärkt zu belästigen beginnen. Histamin bewirkt eine Hyperämie, eine verstärkte Durchblutung. Möglicherweise ist auch das für den Eisprung von Nöten, denn unmittelbar bevor das Östrogen abfällt und damit eine Entzündungskaskade initiiert, setzt es am Höhepunkt seiner Konzentration vermehrt Histamin aus den Mastzellen frei, die jene Stellen im weiblichen Körper markieren, wo bei den nachfolgenden Hormonabfall gewebsabbauende Immunreaktionen stattfinden sollen. Ist die Stelle, wo abgebaut werden soll, durch Histamin gekennzeichnet worden, dann beginnt der Hauptdirigent von Entzündungen, der nukleare Faktor kB an jenen Stellen mit entzündungsähnlichen Reaktionen, was letztendlich zur Wehentätigkeit, zum Eisprung und zur Menstruation führt. Der nukleare Faktor kB ist die Schaltstelle für Entzündungen und inflammationssähnlicher Prozesse, wobei die hormonabhängigkeit dieses wichtigen Proteins nicht nur bei Entzündungen zu Tage tritt, sondern auch in der Schwangerschaft embryonale Aufgaben erfüllt. Denn in bestimmten Gestationsphasen steuert dieser nukleare Faktor kB auch die Ausbildung von Herzklappen – ebenfalls moduliert von den Geschlechtshormonen der Mutter, der Plazenta oder des Kindes. Findet ein besonderes Hormonprofil statt, bewirkt der nukleare Faktor kB eine bestimmte Reaktion im Zellkern, die allerdings nicht nur zur Entzündung führen kann, sondern auf der anderen Seite auch neue Organe ausbilden lässt.
Viel Östrogen macht anfälliger für Histamin. Nicht zuletzt bei der Reizblase. Das Östrogen schubst den Prozess an, das Eibläschen reißt, die Eizelle kommt zum Vorschein. Dass es sich nicht auf die Eibläschen beschränkt, sondern quasi andockt, wo und wie es ihm einfällt, führt zu den seltsamsten Reaktionen.
Zur Zeit des Eisprungs und der Regel fühlen sich viele Frauen überhaupt nicht gut. Für andere sind das die besten Tage im Monat. Hier gibt es eine hohe Indidvidualität.
Weil die Menstruation eben ein Rheumaschub, eine Inflammation ist, gesellen sich gerne auch andere Infektion- und Virus-Anfälligkeiten gleich dazu. Man ist abgeschlagen, fühlt sich krank. Nicht durch den Blutfluss, sondern durch die immunologische, biochemische Reaktion, die im Hintergrund stattgefunden hat. Immunologie und Fortpflanzung sind holistische verwoben.
Das Immunsystem der Frau im Dienst der Reproduktion
Im Unterschied zum männlichen Körper weist der weibliche auch eine starke Fluktuation der Sexualsteroide auf, die spiegelbildlich auch eine kurzfristige Änderung von Zytokinen bewirkt. Steroide haben per se eine immunsuppressive Wirkung, – von Ausnahmen abgesehen – die durch einen Abfall der Geschlechtshormone aufgehoben werden kann. Dadurch kommt es zum Ansteigen von Zytokinen.
Im Unterschied zum Mann muss die Frau monatlich eine Eizelle freisetzen, was über den komplizierten Vorgang des Eisprung passiert, sie menstruiert, ebenfalls ein physiologisch sehr komplexes Geschehen und sie setzt am Ende der Schwangerschaft die Wehen in Gang. Diese drei frauenspezifischen Vorgänge werden durch das Immunsystem vorbereitet und durchgeführt. Um die Eizelle freizusetzen, wird für kurze Zeit das Eibläschen einer »Immunattake« ausgesetzt, dadurch reisst das Eibläschen ein, es kommt zum Eisprung und die Eizelle wird in den Eileitern weitertransportiert. Auch bei der Menstruation und beim Wehenbeginn spielen zahlreiche immunologische Vorgänge eine Rolle. Dies erklärt auch die höhere Anfälligkeit, die Frauen für hautagressive Erkrankungen haben.
Die Arthropathia climacterica wird oft mit Erkrankungen des rheumatoiden Formenkreises verwechselt, was zu völlig unnötigen Untersuchungen, aber auch zu belastenden antirheumatischen Therapien führt. Eine lokale Östrogenzufuhr würde bei vielen Patientinnen das Problem der Gelenksschmerzen lösen. Auch transdermal verabreichtes Östrogen unterdrückt Interleukin-6 und bewirkt damit eine Beseitigung der Östrogendefizit-abhängigen Arthropathie.
Aber auch die Inzidenz rheumatoider Erkrankungen ist geschlechtsspezifisch, sie kommen beim weiblichen Geschlecht wesentlich häufiger vor als beim Mann. Ein Phänomen, das in zunehmendem Maße auch bei der Diagnostik und der Therapie des rheumatoiden Formenkreises Berücksichtigung finden muß. Gleiches gilt auch für Autoaggressionskrankheiten wie Morbus Hashimoto, Lupus erythematodes (neuen von zehn Erkrankten sind Frauen) und Multiple Sklerose.
Frauen sind immunologisch gesehen talentierter als Männer. Diese Tatsache kann ein Vorteil, aber auch ein großer Nachteil (Autoimmunerkrankungen) sein. Die Erklärung für diese Erkenntnis scheint wiederum im intensiven Zusammenspiel zwischen Immunsystem und Reproduktionssystem zu liegen. Um den evolutionären Auftrag der Fortpflanzung erfüllen zu können, muß ein »Xenotransplantat« (= Embryo) toleriert werden können. Studien zeigten die Komplexität dieses Zusammenhanges. Prä- und periovulatorisch kommt es – östrogenbedingt – zu einer enormen Steigerung der immunologischen Aktivität, welche in der Lutealphase – progesterondominiert – rasch wieder sinkt, um toleranter gegenüber einer möglicherweise stattfindenden Implantation zu werden.
Diese immunregulativen Mechanismen kommen nicht nur im Endometrium zu tragen, sondern spielen sich im gesamten weiblichen Körper, im besonderen aber im Bereich der Schleimhäute ab. Vereinfacht dargestellt ist die immunologische Potenz einer Frau in der ersten Zyklusphase größer als in der zweiten. Es wird auch schon die Meinung vertreten, daß abhängig von er Immunitätslage der Frau, also in welcher Zyklusphase sie sich befindet, die Suszeptibilität für STD´s und letzten Endes auch für HIV unterschiedlich ist. Eine Studie hat bereits bei Affen nachgewiesen, daß die Übertragung sexuell übertragbarer Keime in der Lutealphase signifikant höher ist als zu einem anderen Zeitpunkt. Dies zu wissen, hat nicht nur eine enorme Konsequenz in Bezug auf sexuell übertragbare Erkrankungen und damit auf die Gesundheit von Millionen Frauen, sondern allgemein auf die weibliche immunologische Reaktionskraft. Es wird bereits auch erwogen, ob es nicht einen idealen Zeitpunkt im Zyklus für Impfungen gibt, wo eine optimale Immunantwort und damit die Ausbildung von Antikörpern erwartet werden kann.
Das Immunsystem der Frau ist in den fertilen Jahren am Höhepunkt seiner Aktivität, fällt aber ebenso einem Alterungsprozeß anheim wie der gesamte Organismus. Eine besonders starke Veränderung kann man nach dem Eintritt der Menopause erkennen. Sobald die Östrogenproduktion sistiert, verringert sich auch die Menge an zirkulierenden Antikörpern und die Immunantwort wird langsamer. Präexistent bestandene Autoimmunerkrankungen werden interessanter Weise aber nicht besser. Trotz dieser immunologischen Alterung sind Frauen insgesamt im Alter gesünder und ihre Lebenserwartung ist länger.
FRAUEN SIND GEGEN CORONA GESCHÜTZTER
Aber auch Mechanismen, die derzeit für den desaströsen Befall des Coronavirus verantwortlich gemacht werden, hängen mit den weiblichen Geschlechtshormonen zusammen: so scheint das Coronavirus am Angiotensin Converting Enzym 2 andocken zu können, über das es den Körper betritt, und dann dieses an sich protektive Enzym zerstört, wodurch es bei der Infektion zu lebensbedrohenden Zuständen kommen kann. Im Unterschied zum normalen Angiotensin Converting Enzym ist das Angiotensin Converting Enzym 2 protektiv, eine Zerstörung durch das Virus kann sich deswegen katastrophal auswirken. (Literatur)
Die Eierstöcke regulieren dieses Angiotensin Converting Enzym 2 up – d.h. sie vermehren es und üben auch darüber eine cardioprotektive Wirkung aus. Obwohl dieses Enzym die Eintrittstelle für das Virus in den Körper ist, die dann allerdings von ihm zerstört wird, scheint die verstärkte Bildung von ACE 2 summa summarum das weibliche Geschlecht mehr vor dem Virus zu schützen: Frauen erkranken seltener und sterben auch seltener an den Viren-nach den bis jetzt vorliegenden Fakten.